Schweizer Indoor Cannabis Grower

 

Stecklinge als Antwort auf’s Samenverbot
Urs erzählt mir. dass er früher nur mit Hanfsamen gegrowt und sich kurz vor dem Verbot 2011 noch einen kleinen Saatgutvorrat zugelegt habe. Als der langsam zur Neige ging, beschäftigte er sich ein wenig mit der Zucht von Mutterpflanzen und Stecklingen, bastelte eine kleine Box mit CFLRöhren und selektierte sich aus den beiden regulären letzten White Widow Samenpackungen eine kleine Mutterpflanze. Seitdem ist Urs zwar bei der Sortenwahl eingeschränkt, dafür aber als Selbstversorger völlig autark. Im Bekanntenkreis gäbe es auch noch zwei oder drei Kollegen. die es ähnlich hielten. So könne er ab und zu mal ein paar Stecklinge tauschen. Beim aktuellen Grow hat er so neben sieben White Widows noch zwei Chronic stehen, die insgesamt fast ein Drittel kleiner als die Weißen Witwen sind. Urs meint, er habe sie von Anfang an auf umgedrehte Blumentöpfe gestellt. damit die großen White Widows ihnen nicht zu viel Licht klauen. Wir verlassen die Küche und im Flur öffnet Urs eine kleine Abstellkammer, die wohl einst zur Aufbewahrung von Lebensmitteln gedient hat.
In der kaum 60 x 80 Zentimeter großen Box stehen neun kerngesunde Hanfpflanzen, deren Alter ich auf ungefähr sechs Wochen schätze, wovon sie ungefähr vier im Blüterhythmus verbracht haben. Die meisten sind bereits 90 Zentimeter hoch, die beiden Chronics sind ein wenig kompakter, aber nicht weniger vital. Der Aufbau der Kammer ist solide: Ein regelbares 400-Watt-Vorschaltgerät von Nanolux, ein Rhino-Aktivkohlefilter. Adjust-a-Wings Reflektor mit Cooltube, ein kleiner flexibler Schalldämpfer und ein 240 m3/h-Lüfter finden gerade so im oberen Drittel des knapp zwei Meter hohen Schranks Platz, sodass Urs noch knapp 1,60 Meter Platz unter der Lampe hat. Deshalb auch die Cooltube — ein erster Versuch ohne die Glasröhre habe eine Dauertemperatur von über 30 Grad zur Folge gehabt. Die Pflanzen stehen in flexiblen 8-Liter-Root-Pouches, die sich auch in der Schweiz immer stärker durchzusetzen scheinen; als Medium hat sich Urs für BioBizz-Erde entschieden. Einziger echter ‘Luxus’ ist ein Klima-Controller, der die Lüftung in den Sparmodus versetzt, wenn es die Temperatur im Raum zulässt.
Die kleine Mutterkammer befindet sich in einem ausgemusterten Aktenschrank, der neben der ‘Abstellkammer’ steht. In dem 30 cm tiefen und maximal einen Meter hohen Schrank mit Schiebetür steht eine kleine, aber schon etwas ältere Mutterpflanze unter einem 72-Watt-CFL-Licht. Sie ist von ein paar Stecklingen umgeben, die Urs schon für den kommenden Durchgang vorbereitet. Als Abluft dient ein einfacher Rohreinschublüfter, in dessen Kombi Dec Schlauch Urs eine Dose ‘Ona’ zur Geruchsneutralisation gehängt hat.
„Die Stecklinge habe ich schon vier Wochen vor dem Umsetzen in die Blütebox geschnitten. So konnte ich sie nach der Bewurzelung noch gute 14 Tage neben der Mutti unter dem CFL-Licht stehen lassen. Dann habe ich beim Umsetzen schon kräftige und große Pflanzen, die ich fast direkt in die Blüte schicken kann, ohne extra Licht zu verbrauchen. Als ich die Mutterkammer noch nicht hatte, habe ich die Samen nach dem Keimen fast immer zwei Wochen bei 18 Stunden unter 400 Watt vorwachsen lassen. Mit Stecklingen, die knapp drei Wochen unter einer CFL-Röhre vorwachsen, spare ich im Vergleich dazu eine Menge Strom und habe in beiden Fällen ungefähr 30 Zentimeter hohe Pflanzen am Anfang der Blütephase. Ich habe auch in den ersten beiden Blütewochen eine 400-Watt-Wachstumslampe genommen, weil ich bei der niedrigen Box lieber ganz kurze Internodien habe. Selbst wenn einige sagen, das kostet insgesamt ein wenig Licht und somit Ertrag — ich schwöre in den ersten beiden Blütewochen auf ein Leuchtmittel mit blauem Spektrum, schließlich wachsen die Pflanzen in dieser Zeit doppelt oder dreimal so schnell wie zu jedem anderen Zeitpunkt ihres Lebens, während die Blütenbildung zu dieser Zeit kaum ins Gewicht fällt. Ich habe im unteren Drittel während der ersten Blütewoche ein paar Triebe abgenommen, aber nicht zu viele, weil ich ja nicht so viele Pflanzen in der Box habe. Ich habe lieber neun kräftige und große Pflanzen als 15 oder 20 kleine, wo nur die Tops fett sind. Bei einer Sea of Green könnte ich hier 15 Pflanzen stehen haben, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mit weniger, dafür gut vorbereiteten Pflanzen meist einen besseren Ertrag gibt. Ich habe eben keine echten Nachzügler, von den sieben White Widows und den beiden Chronics ist keine dabei, die nur ein paar Blütchen abwerfen wird.
Mit dem Düngen bin ich eher ein wenig zurückhaltend, dafür aber genau. Ich gieße die Damen dreimal die Woche. zweimal davon bekommen sie Dünger. Als Grunddünger nehme ich Advanced Hydroponics, dazu noch ein paar Zusätze von Aptus. Aber nur solche, die den EC-Wert nicht beeinflussen, denn ich bin davon überzeugt, dass gutes Wasser und ein Drei-Komponenten-Dünger den Pflanzen ausreichend Nährstoffe zur Verfügung stellen und die Zusätze einfach nur für eine bessere Aufnahme sorgen. Aber ich bin kein Biologe, ich bin nur Hobby-Grower mit ein wenig Erfahrung.”
Ich auch, jedoch untermauern die sich nach oben reckenden Blätter und das gesunde Grün die Theorie meiner neuen Bekanntschaft. Urs erzählt, dass er in den kommenden Tagen ein Netz zum Stützen der Tops anbringen möchte, weil die Pflanzen jetzt ihr Längenwachstum beendet hätten und er die Lampe nicht mehr weiter hochziehen müsse. Zurzeit bekommt die angehende Blütenpracht einen EC-Wert von 1,9 bei einem 6.0er pH-Wert. Urs erntet seine White Widows meist zwischen dem 58. und dem 62. Tag, also gut vier Wochen nach meinem Kurzbesuch in der Schweizer Bankenmetropole. Bis dahin wird er den EC-Wert noch langsam auf 2,2 mS/cm2 in der sechsten Woche erhöhen, um in Woche sieben wieder langsam auf 1,5 mS/cm2 zu gehen. Zum Schluss gibt es sieben bis zwölf Tage lang nur noch klares Wasser mit einem 5.5er pH-Wert. Früher habe er mit einem Taschenmikroskop den Reifegrad seiner Buds bestimmt. heute habe er das im Gefühl, besonders bei seiner Stammsorte. der Weißen Witwe. Nach Ernte und Beschneidung hängt Urs die ganze Pflanze kopfüber in seine Box Marke Eigenbau, bis die Stiele knacken. Danach zieht die Ernte in eine Dose mit halb offenem Deckel um, wo sie ab und zu gewendet wird, bis auch die Buds knacken. Danach geht der Deckel zu, das Weed in den Kühlschrank und die nächste Generation Stecklinge, die schon zwei Wochen im Aktenschrank auf ihren Einsatz wartet, kann in die inzwischen gut gereinigte Box einziehen. So ergärtnert Urs seine und die Rauchware seiner Freundin, bleibt was übrig, machen sich beide gutes Öl oder backen auch mal einen Geburtstagskuchen aus den Knippresten der letzten Ernte. Wie es eben kommt. Verkauft wird aber aus Prinzip nix, er sei da ein gebranntes Kind. Aber das sei eine andere Geschichte.
Urs schließt die Tür des Schranks und wir begeben uns zurück in die Küche, wo ich noch ein paar Früchte seiner letzten Ernte verkosten darf. Nach dem extrem langen und anstrengenden Tag bleiben wir mit unserer White Widow Tüte noch eine ganze Weile gedankenverloren sitzen oder loben die guten alten Zeiten in der Schweiz, bis ich mich alleine auf den Rückweg nach Dietikon zur Cannatrade mache.
Ein Hanfbauer aus Leidenschaft trotzt allen Widerständen
Zurück auf der Cannatrade verschlägt es mich tags darauf an den Stand von ‘Cannabis Helvetica’, an dem Andre Fürst seine Produkte vertreibt. Andre ist Urgestein der Schweizer Legalisierungsbewegung und wurde für seinen Hang zum Hanfanbau bereits mehrmals verurteilt. Trotzdem versucht der Betreiber von chanvre-info.ch weiterhin, den gesellschaftlichen Umgang mit Hanf zu normalisieren, dessen mannigfaltiges Potenzial selbst zu nutzen und anderen zugänglich zu machen. Andre lädt mich ein, ihn nach der Messe im französischsprachigen Teil des Landes zu besuchen, wo er auf einem halben Hektar ganz legal Schweizer Nutzhanf anbaut. Gesagt, getan — so mache ich mich nach Ende der Messe auf den Weg Richtung Westschweiz.
Andre erwartet mich bereits mit einer Tasse Tee vor seinem Hanffeld, das gerade in voller Blüte steht. Vor dem alten Bauernhaus hängen bereits getrocknete Hanfpflanzen: der Hanfpionier steckt gerade mitten in der Ernte. Schweizer Hanfbauern dürfen Sorten mit einem maximalen THC-Gehalt von 1,0% anbauen. EU-Bauern nur bis 0,3%. Die Kompolti des Schweizer Hanfbauern riechen und sehen auf jeden Fall ein wenig potenter aus als die Faserhanfpflanzen von Hempflex, deren eindrucksvolle Felder ich mir nur wenige Wochen zuvor anschauen durfte. Andre erzählt mir, der Hanfinspektor sei bereits da gewesen und habe Proben genommen, von denen keine den zulässigen Höchstwert überschritten habe. Ich erfahre auch, dass er dieses Jahr bereits zum zweiten Mal ernte. Dort wo jetzt die Gänge im Feld sind, hatte er zu Saisonbeginn im April eine Schweizer Ruderalissorte angebaut, die schon nach zwei Monaten ausgereift war.

Während unseres Gesprächs ist er eifrig damit beschäftigt, eine drei Meter hohe Kompolti mit einem beeindruckenden Stammdurchmesser zu bearbeiten.
„Meine Kompolti haben zwar höchstens 1% THC, dafür aber bis zu 6% CBD. Ich trockne die Blüten und die Samen in meiner mobilen Trocknungsanlage. Dazu habe ich mir eine kleine Lüftung in einen Anhänger gebaut, in dem ich die gestapelten Kisten mit geernteten Blüten innerhalb von drei Tagen trockne. Wenn alles trocken ist, stelle ich aus den Blüten CBD-haltiges Öl mit 1% THC- und 2% CBD-Anteil her. Als Basis und Lösungsmittel dient das in den Samen enthaltene Hanföl. Ich presse einfach die ganze Blüte. So löst das Öl aus den Samen die wertvollen Inhaltsstoffe aus den Blüten und ich erhalte ein 100%iges Naturprodukt. Ich biete das als Aroma-Öl, Massage-ÖI oder auch als Hautcreme an. Aber natürlich biete ich auch das unverarbeitete Naturprodukt, die Blüte selbst, an.”
Als ich an den Kompolti rieche, denke ich sofort an Purple Haze, der Geruch ist sehr narkotisch, allerdings kleben meine Finger nicht annähernd so, als hätte ich eine potente Purple angefasst. Ich sehe auch viele Männchen zwischen den fast oder ganz reifen Kompolti stehen und möchte wissen, ob Andre die auch irgendwie verwertet. Bislang habe er die Männer meist ausgerissen. Aber dieses Jahr möchte er ein wenig mehr über deren Zusammensetzung und Potenzial erfahren. Denn auch männliche Pflanzen produzieren Cannabinoide, wenn auch lange nicht so viel wie weibliche Pflanzen. Aber wer wisse schon, ob und welche wertvollen Inhaltsstoffe man in den Males noch so findet.
Ich helfe Andre noch ein wenig beim Maniküren der Blüten, doch ich bin extrem langsam und nach ein paar Minuten tun meine Finger weh. Der Hanfbauer neben mir ist dank jahrelanger Übung flink wie ein Wiesel und hat die große Kompolti innerhalb von ein paar Minuten zerlegt und fertig getrimmt. Die Buds kommen in Körbe, die wir zum Trocknungsanhänger tragen, wo sie die nächsten drei Tage verbringen werden, bevor sie zur Weiterverarbeitung eingelagert werden können. Den Anhänger habe er gebaut, um mobil zu bleiben, denn selbst als Nutzhanfbauer habe er immer noch drei Feinde: Schimmel, Diebe und manchmal auch die Polizei. Bisher hatte er 2014 nur mit wenig Schimmel zu kämpfen. doch die anderen beiden Hanffeinde seien nie zu unterschätzen. Der mobile Anhänger sei da nur eine von vielen Maßnahmen. Doch zum Glück seien diese Maßnahmen lange nicht so gefährlich und gesundheitsschädlich wie die chemische Schädlingsbekämpfung. Auf die könne ein Hanfbauer zum Glück verzichten, denn seine Pflanze setzt sich in jedem natürlichen Umfeld durch. Es sei denn, man verabschiedet Gesetze gegen eine Pflanze, die wider der menschlichen Natur sind.
Nach einem leckeren Rohkostsalat mit frischen Kräutern und ein paar Kompolti-Blüten aus Andres Garten verabschiede ich mich, beeindruckt vom ‘Fürstlichen Hanfhof’, den der Westschweizer allen Widerständen zum Trotz auch 2014 erfolgreich bewirtschaftet. Ich bin wirklich froh. dass es in der Schweiz doch noch ein paar Outdoor-Pflanzen gibt, über die es sich zu berichten lohnt, und wünsche Andre noch eine erfolgreiche Ernte und einen möglichst hohen CBD-Gehalt, bevor ich mich auf den Heimweg mache.