critical + 2.0 grow report

 

Bei der Hardware nur vom Feinsten
Also machte sich Phil im Internet ein wenig schlau, erwarb ein gutes Grow-Buch und versuchte so. halbwegs gut vorbereitet zum ersten Einkauf im Growshop aufzutauchen. Allerdings sind die lndoor-Tipps für englischsprachige Grower oft für den US-, den kanadischen oder bestenfalls den britischen Markt ausgerichtet; auf dem Alten Kontinent gelten in Sachen Beleuchtung und Abluft alleine schon aufgrund des metrischen Systems andere Richtlinien. Die meisten US-Grower be-vorzugen zum Beispiel 1.000-Watt-Leuchten, und auch Produkte wie Dünger, Lüfter oder Boxen unterscheiden sich von denen im Rest der EU. So wusste der Home-Gärtner in spe trotz guter Vorbereitung nur, dass er eine 120x120x200cm-Box haben wollte, weil dieses Grundmaß perfekt in die dafür vorgesehene Ecke passte. Phil hatte bei der Wahl des Shops seines Vertrauens jedoch das Glück, an eine sehr fachkundige Thekenkraft zu geraten. die ihm bei der Einrichtung der Box mit dem notwendigen Know-how beiseitestehen sollte. Zum 120x120er Growlab besorgte sich Phil dann einen schallgedämmten Can-lso Max-Lüfter, der mit einem 400cm3/h-Aktivkohlefilter und einem Schalldämpfer der gleichen Marke ergänzt wurde, sodass die Geräuschemission selbst bei vollem Betrieb nicht lauter als ein Kühlschrank war. Zur Sicherheit installierte er dann noch ein „Ona-Duct”, das durch das Einschieben eines Neutralizer-Blocks zu Erntezeiten die Abluft noch einmal neutralisiert. Um während der Dunkelphase oder bei kühler Witterung ein wenig Strom zu sparen und um den Lüfter noch leiser zu halten, holte sich Phil dann auf Empfehlung des Fachverkäufers noch einen Klimaregler zur optimalen Steuerung. Als Beleuchtung sollten ein 600-Watt digitales Vorschaltgerät mit Super-Lumen-Stufe, eine 600-Watt Philipps Master Son-T und ein Adjust-a-Wings Reflektor dienen. die Phil in den ersten beiden
Wochen nur mit 400 Watt Leistung betreiben wollte. um auch hier ein wenig Strom zu sparen. Weil der Cannabispatient aus Übersee schon genug mit seinem ersten Setup zu tun hatte. entschied er sich. es bei der Wahl des Mediums einfach zu halten und wählte vorgedüngte
Erde. Als Töpfe sollten 11-Liter-Smart-Pots dienen, die Phil schon von seinen Outdoor-Erfolgen aus den USA kannte. Da die Erde laut Her-stellerangabe Nährstoffe für nur drei bis vier Wochen enthielt, gab der freundliche Verkäufer Phil dann noch einen Bio-Dünger mit, der ab der dritten Blütewoche zum Einsatz kommen sollte. Last but not least kamen noch zwei oszillierende Ventilatoren hinzu. die für die notwendige Luftumwälzung im Pflanzbereich sorgen sollten. So ausgestattet und mit knapp 1.200 Euro weniger in der Tasche machte sich Phil an den Aufbau der Box. Nach zwei Tagen und den üblichen Fehlern, die einem so beim ersten Aufbau eines Grow-Zeltes passieren, stand die Hardware für das medizinisch notwendige Treiben bereit, allerdings ohne dass Aussicht auf die Software zum Programmieren der Grow-Units bestand. Option eins — das Bestellen von Saatgut im Internet — hätte inklusive Vorwuchszeit mehr als vier Wochen in Anspruch genommen, was Phil angesichts seiner gesundheitlichen Situation noch mehr Bauchschmerzen bereitete, als er ohnehin schon hatte. Option zwei — ein Kurztrip nach Wien mit einem Rentnerbus — schien ihm die weitaus bessere, weil schnellere Variante. Der Autor dieses Artikels hält ein solches Vorgehen für nicht sehr weise, denn eine Homebox-Ladung voller Pflanzen zu verstecken, ist sicher gefährlicher. als die gleiche Anzahl von Samen zu schmuggeln. Die Kaffeefahrt nach Wien und zurück ging auf jeden Fall gut und so konnte die Box endlich mit 16 Hanfdamen bestückt werden. Auf seiner geheimen Mission hatte Phil in der Mozartstadt nach einer Sorte gesucht, die leicht anzupflanzen war. nicht allzu lange brauchte und trotzdem über einen Sativa-Anteil in den Genen verfügt, den man nach der Ernte auch spürt und schmeckt. Die Damenwahl fiel auf Critical +, das in manchen Kreisen auch als Critical Mas bekannt ist. Dabei handelt es sich allerdings um den gleichen Strain. „mas” ist lediglich das spanische Wort für “plus”.
Um sie besser verstauen zu können, hatte Phil sich für die kleinste Hanfbaby-Variante in “Easy Plugs” entschieden. die bei gerade einmal zehn Zentimeter Größe noch ein paar Tage bei 18 Stunden Licht wachsen sollten, bevor ihr Besitzer sie auf den 12/12 Stunden Blüterhythmus umstellen wollte.
Aller Anfang ist schwer
Nachdem die 16 Pflanzen die ersten drei Tage nach dem Umtopfen bestens in ihren 11-Liter-Töpfen überstanden und dank der fürsorglichen Pflege ihres Hüters auch schon eine Internodie hinzugewonnen hatten. entschied sich Phil nur fünf Tage nach dem Umtopfen, die Blütephase einzuleiten. Am Tag der Umstellung waren die 16 Ladys nicht größer als 15 Zentimeter, was sich im Nachhinein bei nur 16 Pflanzen in der Box als ein wenig zu früh erweisen sollte. Zudem hatte Phil von Anfang an auf ein Wuchsleuchtmittel verzichtet und auch die vegetative Phase und die erste Blütewoche mit einem NDLLeuchtmittel bestritten, wodurch die Pflanzen relativ große Internodien entwickelten. Um schöne, dicke Topbuds zu bekommen, hielt sich Phil an die Tipps seines “schlauen Buchs” und meinte es dabei aufgrund seiner mangelnden Indoor-Erfahrung leider ein wenig zu gut. 16 Pflanzen in 11-Liter-Töpfen sind bei einer Grundfläche von fast 1,5 m2 keine Basis für eine sogenannte „Sea of Green”, bei der der Züchter lediglich auf die Ausbildung fetter Tops bedacht ist. Hierzu bedarf es in einem Zelt dieser Größe mindestens 25, besser noch 32 oder 36 Pflanzen in 4-Liter-Töpfen. die auch vom Wuchsbild eher für einen sogenannten „SOG” geeignet sind. Um den Platz und somit das Licht wirklich optimal auszunutzen. hätte Phil die vegetative Phase ein paar Tage verlängern und die unteren Triebe weniger radikal stutzen sollen. Doch trotz der etwas unsanften Behandlung fühlten sich die 16 Ladys sehr wohl unter der 600-Watt-Lampe, deren volle Leistung Phil jedoch erst zur Hauptblüte nutzen wollte, weshalb er sie vorerst noch mit 400 Watt betrieb.
Trotz der zu kurzen Wuchsphase und des etwas zu radikalen Beschneidens entwickelten sich die 16 Crit/cal + prächtig und ihr Versorger musste in der vierten Woche anfangen. ein wenig Bio-Dünger zum Wasser zu mischen. Bis dahin hatte Phil alle drei bis vier Tage einfaches Leitungswasser gegossen, wobei er den pH-Wert mit Lackmusstreifen auf 6,0-6,2 einregelte, genauer geht es bei dieser einfachsten Art der pH-Wert Bestimmung einfach nicht, ist aber zumindest auf Erde vollkommen ausreichend. Nach Zugabe des Blütedüngers legten die Buds dann noch einmal schön an Volumen zu, allerdings hatte Phil während der Vorblüte so viele Seitentriebe entfernt, dass die Ladys genau dort kahl waren, wo noch ausreichend Licht für viele kleine Äste und Blüten gewesen wäre. Bei der Dosierung des Düngers hielt sich der Heimgärtner mangels Messgerät notgedrungen an die Herstellerangaben und rundete dabei aufgrund seines relativ salzhaltigen Wassers vorsichtshalber nach unten ab. Trotz der erwähnten kleinen Unzulänglichkeiten mussten alle 16 Damen ab der fünften Woche ob der schweren Tops an relativ dünnen Stängeln mithilfe von Bambusstöcken gestützt werden, die Phil bereits nach dem Ende der Vorblüte ganz vorsichtig in die Töpfe gebohrt hatte. Die Umstellung auf die 600-Watt-Stufe am Vorschaltgerät ging dann im allgemeinen Chaos zwischen Düngergabe, Lampe hochziehen und Bambusstöcke einbauen unter, Phil hat es einfach vergessen und so den gesamten Grow mit 400 Watt durchgezogen. Man kann schließlich nicht an alles denken. Zudem dankt es die Stromrechnung.

Beim Anbringen der Bambusstützen muss man sehr gefühlvoll vorgehen, um den Wurzelballen nicht zu beschädigen. Deshalb nutzen erfahrene Grower mittlerweile lieber Netze. Ganz Schlaue. die die Stöcke von Anfang an in die Töpfe stecken, vergessen dabei, dass dann die Lampe in der vegetativen Phase nicht dicht genug über die Pflanzen gehängt werden kann. Mit Stock und ohne Hut fingen die Ladys in der fünften Woche an, das typische Critical + Aroma zu verströmen: die ersten rotbraunen Härchen sollten sich bereits nach sechseinhalb Wochen bilden. Phil nahm dieses Zeichen zum Anlass, den Dünger abzusetzen und nur noch mit klarem Wasser zu gießen. Als ich meinen Gastgeber auf die Färbung der Trichome anspreche, erklärt mir Phil, dass er sich outdoor immer an den Härchen orientiert habe und er zum ersten Mal davon höre, dass die Trichome als Zeichen der Reife milchig aussehen, wenn man sie unter dem Mikroskop anschaut. Nach knappen zehn Tagen ohne Düngergabe waren die unteren Blätter schon gelb und die ersten Hanfdamen bereit zur Ernte. Phil erntete das ganze Zelt dann innerhalb von drei Tagen ab, wobei er beim Trimmen der Blüten wieder auf seine jahrelange Outdoor-Erfahrung zurückgreifen konnte und nicht mehr als drei Stunden beschäftigt war. Getrocknet wurde dann kopfüber im jetzt dunklen Growlab, wobei die Lüftung während des gesamten Trocknungsvorgangs auf 50 Prozent Leistung lief. Phil konnte so knapp 100 Tage nach seiner Entscheidung. seine Medizin selbst anzupflanzen, auf erste Ergebnisse verweisen — auch wenn sie quantitativ nicht so optimal waren, wie er es sich ausgemalt hatte. Dafür stimmten Qualität und Aroma, wovon ich mich zum Abschluss meiner Hanf-Visite selbst noch überzeugen durfte. Bei einem fetten Critical + Joint zogen Phil und ich ein kurzes Fazit des ersten Selbtversorgungsversuchs des Patienten unter Kunstlicht.
Ausbaufähig
Mit knapp 200 Gramm und dem Einsatz einer 600-Watt-Lampe lässt der erste Versuch sicher noch viel Luft nach oben. Doch Phil hat jetzt erst einmal so viel Medizin, dass er die nächsten drei Monate über die Runden kommen wird und so die Grundlage geschaffen hat, den nächsten Durchgang bei besserer Gesundheit in Angriff zu nehmen.
Ursache für den eher bescheidenen Ertrag war die zu kurze vegetative Phase, deren Basis der Heimgärtner durch zu extremes Beschneiden in den ersten beiden Blütewochen zusätzlich geschwächt hat. Bei nur 16 Pflanzen hätte die vegetative Phase mindestens vierzehn Tage dauern sollen. Kräftigere Pflanzen, die insgesamt ein wenig größer werden, kann man dann auch im unteren Drittel bedenkenlos stutzen. Doch wer ohnehin schon über wenig Grünmasse und kleine Pflanzen verfügt. sollte über jeden Blütenansatz glücklich sein. Die fehlende Umstellung auf 600 Watt in der Hauptblüte hat dann das Übrige getan: Hier fehlen nicht nur 200 Watt fürs bessere Ergebnis, auch das Spektrum ist bei einem 600-Watt-Leuchtmittel, das auf 400 Watt gedimmt wird. nicht mehr optimal. Deshalb empfehlen erfahrene Grower auch die Verwendung von 400-Watt-Leuchtmitteln beim Einsatz eines gedimmten 600-Watt-Vorschaltgeräts. Doch meine leichte Kritik und meine Bedenken bezüglich seiner ersten Ernte wischt Phil mit einer kurzen Handbewegung beiseite:
„Ich habe eine Menge gelernt, ein paar Fehler gemacht und bin für das nächste Mal umso besser gerüstet. Aber immerhin habe ich jetzt für knapp 1.500 Euro inklusive Strom 200 Gramm Medizinalblüten. Die wären in dieser Qualität bei meinem Dealer teurer gewesen. Aber das Beste ist. dass ich jetzt nur noch den Strom, die Samen, die Erde und ein wenig Dünger zahlen muss, um mich über Wasser zu halten. Das sind dann höchstens noch 500 Euro pro Durchgang, und wenn ich ein paar Dinge besser mache und noch ein wenig in die Hardware investiere, komme ich locker mit zwei oder höchstens drei Ernten über das ganze Jahr. Was will ich mehr? Das ist in Sachen Anbau fast so komfortabel wie zu Hause in den Staaten. Ich denke. genau so kann es noch ein paar Jährchen weitergehen, ohne dass meine Krankheit mich auffrisst.”
Ich muss Phil unumwunden zustimmen, denn auch mir ist aufgefallen, dass er seit unserem letzten Treffen viel besser aussieht. Bevor ich mich nach der zweiten Critical + Tüte von meinem Gegenüber verabschiede, wünsche ich Phil noch viel Erfolg. Gesundheit und Glück. Die beiden Letztgenannten kann er besonders gut gebrauchen, auch wenn er mir versprochen hat, keine „Kaffeefahrten” nach Wien mehr zu unternehmen.